Geschichtlicher Überblick

Die historischen Wurzeln des deutschen Weinbaus gehen auf die Römer zurück. Den größten Aufschwung nahm der Weinbau unter Karl dem Großen, der u. a. die dichten Wälder in der Rheinebene der Pfalz roden und mit Weinstöcken bepflanzen ließ. In den folgenden Jahrhunderten förderte vor allem die Kirche den Weinanbau in Deutschland und der ganzen Welt.

Nach den dunklen Jahren des Mittelalters erreichte die deutsche Rebfläche im 16. Jahrhundert ihre größte Ausdehnung. Schwere Wirren und Kriege des 17. bis 19. Jahrhunderts führten aber erneut zu einem Niedergang des deutschen Weinbaus, der Rebfläche und der sozialen Stellung der Winzer.

Die tiefgreifenden wirtschaftlichen und politischen Veränderungen des beginnenden Industriezeitalters brachten zahlreiche Winzer im 19. Jahrhundert in bitterste Not. Die liberale Wirtschaftspolitik traf auf einen nicht organisierten, in vielen Gebieten noch fachlich mangelhaft ausgebildeten Winzerstand. Billige Auslandsweine, zunehmende Weinfälschungen, bis hin zu Kunstwein, überschwemmten den heimischen Markt. Das Auftreten der Reblaus, Peronospora und Oidium Mitte des 19. Jahrhunderts vernichtete ganze Ernten und zwang Tausende von Winzern von der Mosel bis Baden zur Auswanderung.

Als Reaktion auf diese Marktverhältnisse schlossen sich die Winzer zusammen, um ihre wirtschaftlich schwache Stellung zu verbessern. Bereits 1821 gab es in Baden erste landwirtschaftliche Vorschussvereine. 1824 wurde in Heilbronn "Die Gesellschaft für die Weinverbesserung" gegründet.

1852 kam es unter Führung des Landwirtschaftsvereins für Rheinpreußen zur Gründung von vier Winzervereinen an der Mosel in Reil, Kienheim, Kröv und Ürzig, die damals schon den Namen "Winzergenossenschaft" trugen. Ihre Statuten enthielten bereits maßgebliche Grundsätze der späteren Genossenschaften Raiffeisen'scher Prägung. Dennoch scheiterten die jungen Unternehmen nach kurzer Zeit, weil sie ihren Mitgliedern aus aufgenommenen Darlehen höhere Auszahlungen für die Trauben bewilligten, als später auf dem Markt zu erzielen war.

Tragfähiger waren in diesen Jahren die Zusammenschlüsse in Württemberg. Aus Neckarsulm ist bekannt, dass bereits 1834 ein Weinbauverein gemeinschaftlich kelterte und Most, teilweise auch Wein, verkaufte. Er schloss sich dann später mit der 1855 gegründeten Weingärtnergesellschaft zur heutigen Weingärtnergenossenschaft Neckarsulm zusammen. Die Weingärtner von Asperg gründeten 1854 eine genossenschaftsähnliche Vereinigung, die "Assoziation für die Bereitung und Verwertung des Weinmostes".

In dieser Zeit des sozialen Umbruchs und der wirtschaftlichen Neuorientierung veröffentlichte Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1866 sein richtungweisendes Buch "Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung". In einem eigenen Kapitel beschäftigte sich Raiffeisen ausführlich mit den Winzergenossenschaften und den Problemen des deutschen Weinbaus. Der gesetzliche Rahmen für die neue Organisationsform wurde am 27.03.1867 mit dem ersten Genossenschaftsgesetz in Preußen erlassen, das am 04.07.1868 auf den Norddeutschen Bund ausgedehnt wurde.

Auf Grundlage des Genossenschaftsgesetzes wurde am 25.08.1868 der Winzerverein Mayschoß an der Ahr gegründet. Die heutige WG Mayschoß-Altenahr darf damit als älteste Winzergenossenschaft Deutschlands gelten.

Es folgten weitere Genossenschaftsgründungen Rhein und Mosel. Offensichtlich fand die genossenschaftliche Idee an der Ahr aber besonders fruchtbaren Boden. Die Gründungsdaten des Winzervereins Walporzheim 1871, der heutigen Ahr-Winzer eG Dernau 1873, der Winzergenossenschaft Ahrweiler 1874 und der Winzergenossenschaft Marienthal 1893 lassen das vermuten.


 

An der Saar gründeten Winzer im Jahr 1898 die Winzervereine Irsch-Ockfen und Ayl. Eine große Fusion fand 1968/69 an Mosel-Saar-Ruwer statt. Dort verschmolzen die Winzergenossenschaft Mittelmosel Wehlen, die Gebietswinzergenossenschaft Cochem, die Hauptkellerei Koblenz und der Saar-Winzerverein Wiltingen zur heutigen Moselland eG, dem größten Erzeugerbetrieb an der Mosel.

Auch im alten Weinbaugebiet Mittelrhein schlossen sich die Winzer zusammen. Sie gründeten 1895 die Rheingoldkellerei Oberwesel, 1896 den Winzerverein Trechtingshausen und 1898 den Winzerverein in Oberdiebach.

Nicht immer war den ersten Gründungen auch der Erfolg beschieden. Die im Jahr 1877 in Rüdesheim und Assmanshausen/Rheingau ins Leben gerufenen Winzerkooperationen mussten bereits 1889 wieder aufgelöst werden. Letztlich setzte sich die genossenschaftliche Idee aber auch im Rheingau durch. 1898 wurden die ersten Winzergenossenschaften in Rauenthal, Hallgarten, Erbach und Johannisberg gegründet.

Im Jahre 1887 wurde eine Genossenschaft in Bad Kreuznach an der Nahe gegründet, der 1898 der Winzerverein in Langenlonsheim folgte. 1904 gründeten die Winzer der Bergstraße die heutige Bergsträßer Winzer eG in Heppenheim.

In Rheinhessen schlossen sich 1897 die ersten Winzer im Bezirks-Winzerverein Gau-Bickelheim zusammen. Es folgte 1899 die Winzergenossenschaft in Wörrstadt. Die 1901 in Nieder- und Ober-Ingelheim sowie in Sprendlingen und 1903 in Bechtheim und Pfaffen-Schwabenheim gegründeten Winzergenossenschaften verschmolzen zur Rheinhessen Winzer eG.

Die genossenschaftliche Idee erlebte ihren Durchbruch in der Rheinpfalz mit der Gründung des Winzervereins in Deidesheim 1898, dem im Jahre 1900 die Winzergenossenschaften in Freinsheim und Friedelsheim, 1901 der Winzerverein in Niederkirchen und die Winzergenossenschaften Wachenheim und Mußbach folgten.


In rascher Folge wurden dann im Jahre 1902 die Winzergenossenschaften Hambach, Königsbach, Kallstadt und Bad Dürkheim sowie der Winzerverein St. Martin, 1903 die Winzergenossenschaft Ungstein und 1904 die Winzergenossenschaft Haardt gegründet. Führend im Bereich Südliche Weinstrasse ist das 1956 gegründete Deutsche Weintor eG in Ilbesheim mit seinen 540 ha Rebfläche.

In Württemberg wurde 1888 die Weingärtner-Gesellschaft Heilbronn a. N., die heutige Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg eG, ins Leben gerufen. Es folgten die Weingärtner-Genossenschaften Markelsheim 1898, Ingelfingen 1899, Uhlbach 1901 und Lehrensteinsfeld 1904.
   

In Baden war es Pfarrer Hansjakob, der 1881 in Hagnau am Bodensee die erste badische Winzergenossenschaft gründete. Es folgten der Winzerverein in Meersburg a. B. 1884, die Winzergenossenschaft in Beckstein 1894 und der Winzerverein in Reichenau 1896. In der Markgrafschaft wurde die Erste Markgräfler Winzergenossenschaft Schliengen 1908 gegründet. Diese ersten badischen Winzergenossenschaften nahmen alle eine erfolgreiche Entwicklung und bestehen heute noch.


Anfang der fünfziger Jahre machten sich mehr als 100 Winzergenossenschaften in Baden gegenseitig Konkurrenz. So wuchs die Bereitschaft zur Gründung einer ersten gemeinsamen Zentralkellerei der Kaiserstühler Winzergenossenschaften e.G. mit Sitz in Breisach im Jahre 1952. Aufgrund ihres großen Erfolges wurde die Bezirkskellerei schon zwei Jahre später in eine Landeszentrale für ganz Baden umgewandelt. Heute zählt der Badische Winzerkeller eG zu den größten Winzergenossenschaften Europas.

Anfang der fünfziger Jahre machten sich mehr als 100 Winzergenossenschaften in Baden gegenseitig Konkurrenz. So wuchs die Bereitschaft zur Gründung einer ersten gemeinsamen Zentralkellerei der Kaiserstühler Winzergenossenschaften e.G. mit Sitz in Breisach im Jahre 1952. Aufgrund ihres großen Erfolges wurde die Bezirkskellerei schon zwei Jahre später in eine Landeszentrale für ganz Baden umgewandelt. Heute zählt der Badische Winzerkeller eG zu den größten Winzergenossenschaften Europas.

In Franken entstand 1901 in Sommerach die erste Winzergenossenschaft. 1959 erblickte die Gebietswinzergenossenschaft Franken in Kitzingen das Licht der Welt.

Auch in den neuen Bundesländern, Sachsen und Sachsen-Anhalt, reichen die Anfänge des Weinbaus über 1000 Jahre zurück. Die ersten urkundlichen Erwähnungen über Weingärten im Elb-Gebiet stammen aus dem Jahre 1082 vom Kloster Pegan. In Sachsen-Anhalt wurde durch die Schenkungsurkunde des Kaisers Otto III an das Kloster Memleben im Jahre 998 der Weinanbau erstmals offiziell dokumentiert. Die große Blüte im 16. Jahrhundert, als mehr als 10.000 ha Reben bewirtschaftet wurden, ist aber lange vorbei. Zur Zeit werden im Gebiet Saale-Unstrut ca. 650 ha und im Weinbaugebiet Sachsen rd. 450 ha bewirtschaftet.

Die 1934 gegründete Winzervereinigung Freyburg/Unstrut eG erfasst mit rund 350 ha mehr als die Hälfte des Anbaugebietes Saale-Unstrut. Auch die am 9. Mai 1938 gegründete Sächsische Winzergenossenschaft Meißen eG ist mit 130 ha Rebfläche der größte Weinbaubetrieb Sachsens.
   

   
Die Gründungen der ersten Jahrzehnte erfolgten auf Rechtsgrundlage der Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht (eGmuH). Das bedeutete, dass die Mitglieder mit ihrem gesamten Vermögen für die Verbindlichkeiten der Winzergenossenschaft einstehen mussten. Mit steigender Mitgliederzahl und zunehmender Wirtschaftskraft war es möglich und nötig die Haftpflicht auf eine festgeschriebene Haftsumme zu beschränken. Aber erst seit 1973 ist es erlaubt, Winzergenossenschaften auch ohne Haftpflicht zu führen. Heute gibt es Winzergenossenschaften mit oder ohne Haftpflicht. Gebräuchlich ist der Firmenzusatz eG (eingetragene Genossenschaft).